
Wer zum ersten Mal durch eine niederländische Wohnstraße spaziert, stellt sich oft dieselbe Frage: Warum haben die Niederländer eigentlich keine Gardinen?
Auch ich habe mich das lange gefragt. Vor allem abends fällt auf, dass viele Wohnzimmer hell erleuchtet sind und man scheinbar direkt ins Haus schauen kann. Manchmal reicht der Blick sogar bis in den Garten auf der Rückseite. Als Deutsche fand ich das anfangs ziemlich ungewohnt.
Mit der Zeit habe ich allerdings festgestellt: Ganz so einfach ist es nicht. Die Niederländer haben durchaus Gardinen. Sie nutzen sie nur oft anders als wir.
Eine peinliche Lektion über niederländische Fenster
Wie offen niederländische Häuser wirken, wurde mir besonders bewusst, als mich zwei ehemalige Kolleginnen in Zutphen besuchten.
Beide waren schon mehrfach in den Niederlanden gewesen, allerdings vor allem in den Großstädten, an der Küste oder für einen Städtetrip. Als wir abends mit Woody durch die Nachbarschaft spazierten, waren sie fasziniert von den großen Fenstern und den liebevoll dekorierten Fensterbänken.
An einem Haus blieben sie besonders lange stehen. Auf der Fensterbank standen schöne Vasen und Pflanzen, dahinter war ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer zu sehen. Irgendwann bemerkten meine Kolleginnen, dass dort direkt hinter dem Fenster vier Menschen am Esstisch saßen.
Das hielt sie allerdings nicht davon ab, weiter neugierig hineinzuschauen.
Die Reaktion meiner Nachbarn?
Sie winkten freundlich zurück.
Für meine Kolleginnen war das unglaublich peinlich. Für meine Nachbarn offenbar überhaupt nicht.
Vielleicht beschreibt diese Begegnung ganz gut den niederländischen Umgang mit Privatsphäre: Man darf hineinschauen. Man sollte nur nicht starren.
Haben die Niederländer wirklich keine Gardinen?
Die kurze Antwort lautet: Doch.
Viele niederländische Häuser verfügen über Gardinen, Vorhänge, Rollos oder Plissees. Wer genauer hinschaut, entdeckt sie oft sogar direkt am Fenster.
Der Unterschied liegt eher darin, dass die Vorhänge häufig geöffnet bleiben. Dadurch wirken die Häuser offener als in Deutschland, wo Fenster oft stärker abgeschirmt werden.
Besonders in Wohngebieten mit Einfamilienhäusern fällt das auf. Große Fenster lassen viel Licht ins Haus und geben gleichzeitig den Blick auf die Einrichtung frei.
Warum kann man oft direkt ins Wohnzimmer schauen?
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht.
Eine häufig genannte Erklärung führt auf die protestantische Tradition der Niederlande zurück. Offenheit, Bescheidenheit und Ehrlichkeit galten lange als wichtige Werte. Daraus entstand die Vorstellung, dass man nichts zu verbergen habe und seine Fenster nicht verhängen müsse.
Ob dies tatsächlich der Hauptgrund ist, darüber sind sich Historiker allerdings nicht vollständig einig.
Mindestens genauso wichtig scheint ein anderer Aspekt zu sein: Tageslicht.
Die Niederlande haben viele graue und dunkle Tage. Große Fenster und offene Vorhänge sorgen dafür, dass möglichst viel Licht ins Haus gelangt.
Die Fensterbank als Visitenkarte
Was mir bis heute auffällt: Viele Niederländer gestalten ihre Fensterbänke mit viel Liebe zum Detail.
Dort stehen frische Blumen, besondere Vasen, Kerzen oder kleine Kunstwerke. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass die Fensterbank Teil der Einrichtung und gleichzeitig Teil der Straße ist.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum die Häuser so offen wirken. Die Fenster sind nicht nur dazu da, hinauszuschauen. Sie zeigen auch ein kleines Stück vom Zuhause.
Wann werden die Gardinen geschlossen?
Natürlich gibt es auch in den Niederlanden Privatsphäre.
In Schlafzimmern sind Vorhänge oder Rollos ganz normal. Viele Menschen schließen ihre Gardinen am Abend oder sobald es draußen dunkel wird. Andere lassen sie geöffnet.
Letztlich ist es wie überall: Manche Menschen mögen offene Fenster, andere nicht.
Mein Eindruck
Das Klischee, dass die Niederländer keine Gardinen haben, stimmt also nur teilweise. Viel treffender wäre die Aussage, dass viele Niederländer ihre Gardinen häufiger geöffnet lassen als wir es aus Deutschland gewohnt sind.
Nach einigen Jahren in den Niederlanden fällt mir das kaum noch auf. Im Gegenteil: Mittlerweile freue ich mich oft über die liebevoll dekorierten Fenster und den kleinen Einblick in den niederländischen Alltag.
Und seit der Geschichte mit meinen Kolleginnen weiß ich auch: Wenn man doch einmal etwas zu lange hineinschaut, bekommt man manchmal einfach ein freundliches Winken zurück.
